„Das große Los“ (M.Winnemuth)


Nun möchte ich mal von einem Buch berichten, das ich schon im letzten Jahr gelesen und zwar immer mal erwähnt, aber nie in aller Ausführlichkeit lobend „zerlegt“ habe. Dabei hat es, meiner Meinung nach, kaum ein anderes Buch so sehr verdient wie dieses!

Als Meike Winnemuth im Jahr 2010 bei „Wer wird Millionär“ eine halbe Million Euro gewinnt, kommt die Antwort auf die Frage, was sie mit dem Gewinn vorhabe, relativ spontan- ein Jahr möchte sie durch die Welt reisen, jeden Monat in einer anderen Stadt wohnen und dem Leben begegnen.
Nicht jeder würde sich das trauen, alleine, als Frau ins Unbekannte aufzubrechen um ein Jahr fern von Heimat, Freunden und Familie neue Erfahrungen zu sammeln. Doch die Äußerung bleibt kein Hirngespinst, keine fixe Idee. Sie ist mit Willen und Tatkraft gefüllt bereits in dem Moment, als sie ausgesprochen wurde. Und so ist das mit Plänen- sie machen nur dann Sinn, wenn sie nicht als leere Worte aus dem Mund kommen, sondern vor Allem im Herzen aus Überzeugung verankert sind.
Und so sitzt Meike Winnemuth am 01.01.2011 im Flieger nach Sydney, dem ersten Ort ihrer Weltreise. In den darauf folgenden zwölf Monaten kehrt sie außerdem in Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna ein. Begegnet zahlreichen offenen Menschen, aber vor Allem sich selbst.
Dabei berichtet sie von ihrer Reise nicht in einer fortlaufenden Erzählung, sondern schreibt ihren Lieben Daheim sehr persönliche Briefe. Eine sehr interessante und sehr passende Art und Weise, wie ich finde, denn frisierte Erzählungen sind eben genau das- beschnitten oder ausgeschmückt. Briefe dagegen sprechen eine ganz andere Sprache. (Schreibt mehr Briefe!)

Ich habe dieses Buch seit seinem Erscheinen über fünfzig Mal persönlich verkauft (für eine Kleinstadt eine fast utopische Menge) und werde nicht müde weiter darüber zu sprechen und es jedem ans Herz zu legen, der es noch nicht kennt. Es hat mich berührt, gepackt und auf eine Weise ergriffen, die ich gar nicht recht in Worte fassen kann.
Dabei bin ich zuerst oft auf sehr verhaltene Reaktionen gestoßen: “ >>Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr<< Hmm? Das klingt doch wieder nach irgendwem, der sich in den Mittelpunkt drängen muss. Reicht es nicht, das Geld zu gewinnen? Muss jetzt jeder ein Buch schreiben?“ Und dabei wäre es ein solcher Verlust gewesen, wenn dieses Buch nicht entstanden wäre.
Wahrlich, der Untertitel mag eine Art „Drohung“ aussprechen, dass man als Leser noch einmal präsentiert bekäme, WIE denn nun diese halbe Million gewonnen wurde, aber darum geht es nicht. Der Gewinn ist ein Anstoß, der Auslöser für etwas viel Größeres.

Jeder Weltenbummler könnte sich Meike Winnemuth als gutes Vorbild nehmen. Offenheit und Wagemut spielen bei ihr eine genauso große Rolle, wie eine wirklich geniale Reisevorbereitung, die sie in kurzen prägnanten Tipps auch an den Leser weitergibt. Das Thema „Kleidung unterwegs“ hat sie zum Beispiel so einfach und clever gelöst, dass man ihr für diese Idee die Füße küssen möchte.
Was sie in ihre Ratschläge einfließen lässt, ist eine ganz gehörige Portion Erlebnis. Sie beschönigt nicht, sie bläht nicht auf, sie verschweigt nicht und- und das macht sie unter anderem so unglaublich sympathisch- sie diktiert nicht.
Meike Winnemuth hat ihre Erfahrungen gemacht, aber lässt jeden Leser und Menschen seine eigenen machen. Sie äußerst eine Meinung, ohne sie einem anderen aufzuzwingen (das fällt mir auch immer wieder in ihren wöchentlichen Kolumnen für den Stern auf). Und dennoch ist sie ein Quell an Inspiration, vermutlich ohne sich dessen bewusst zu sein, denn manche Menschen inspirieren, indem sie einfach sind, wie sie sind.
Und da kommt etwas ins Spiel, das dieses Buch so besonders macht. Es ist nicht „nur“ ein Reisebericht. Man kann es genauso lesen und unheimlich viel für sich mitnehmen, wenn man nicht vorhat auf Reisen zu gehen, ja sogar dann, wenn man nicht einmal ein Mensch ist, den Reisen besonders erfreuen. Dieses Buch hat mir mit seinen wunderbaren Seiten voll Bildern und Buchstaben mehr gesagt, als jeder noch so gute Lebensratgeber es je gekonnt hätte.
Wie schon erwähnt, ist Meike Winnemuth nicht zuletzt sich selbst auf dieser Reise begegnet. Sie hat einiges gelernt, das u.a. am Ende eines jeden Kapitels unter „10 Dinge, die ich in […] gelernt habe“ zusammengefasst wiederzufinden ist. Dabei geht es nicht um Selbstdarstellung. Der Leser erlebt im Gegenteil eine Frau mit Zweifeln und grundlegenden Existenzgedanken. Sie spricht offen über ihre Überlegungen und erreicht damit, meiner Meinung nach, nicht nur Leser in ihrem Alter, sondern auch vieler anderer Generationen.
Für jemanden wie mich (Mitte zwanzig) ist es beruhigend zu sehen, dass eine Frau, die doppelt so alt ist, wie ich, trotzdem ähnliche Fragen an sich und ihr Leben hat. Sie nimmt Zeit- und Lebensdruck, denn sie macht mir deutlich, dass noch so viele Leute um mich herum ganz ausgefuchste Pläne für ihr Leben haben, heiraten, Kinder kriegen können- ich darf auf der Suche bleiben und ich darf einen anderen Weg gehen. Und das auch noch mit fünfzig.
Für jemanden in ihrem Alter oder Leser noch älterer Generationen ist sie aber auch ein Antrieb, ein Mutmacher. Es ist nicht vorbei. Eingespielte Abläufe zu haben bedeutet nicht eingefahren zu sein und es bedeutet auch nicht, dass nicht ganz plötzlich andere Wege eingeschlagen werden dürfen.

Meike Winnemuth öffnet Grenzen, nicht nur die im geographischen Sinne, sondern vor Allem die im Kopf. Sie gibt den Anstoß endlich anzufangen, was man schon immer wollte. Und trotzdem sie selbst das in Form einer großen Reise tut, die wahrlich nicht jedermanns Sache ist, betont sie immer wieder, dass das nicht die einzig richtige Methode ist. Was für sie die Weltreise ist, mag für jemand anderen das Aufräumen der seit vier Jahren verschlossenen Rumpelkammer sein. Denn seien wir ehrlich- so etwas rumpelt nicht nur im Haus, sondern vor Allem im Unterbewusstsein.

Das große Los“ ist ein Buch, in das man immer und immer und immer wieder hineinliest. Es ist ein kleines Tor zur großen weiten Welt. Der Rat einer guten Freundin. Die trostspendende Umarmung der eigenen Mutter. Es ist die hochgereckte Faust, wenn man etwas geschafft hat und das tiefe Einatmen vor einem großen Sprung. Es ist der aufmunternde Druck einer Hand. Das tränentrockende Taschentuch und vor Allem ein Juwel unter den Büchern, die man in seinem Leben unbedingt gelesen haben sollte


(Das rezensierte Buch habe ich selbst erworben, dennoch kennzeichne ich den Link zur Website des Verlags hiermit als WERBUNG)

Titel: Das große Los
Autor: Meike Winnemuth
erschienen im: März 2013
Verlag: Knaus Verlag
rezensierte Ausgabe: Hardcover 19,99€
Seiten: 336
ISBN: 978-3-8135-0504-7

 

4 Gedanken zu “„Das große Los“ (M.Winnemuth)

    1. packingbooksfromboxes

      Habe es tatsächlich oft erwähnt, aber nie richtig besprochen.
      Es liegt zwar immer im Auge des Betrachters, aber bisher habe ich immer gute Rückmeldung bekommen.
      Liebe Grüße zurück!! 🙂

  1. „Das große Los“ war eines der ersten Bücher, die ich mir auf Skoobe ausgeliehen und gelesen hatte. Ich habe das Buch vor ca. 2 Jahren gelesen und ich habe es damals ziemlich gerne gelesen. An die Sendung kann ich mich noch erinnern, da die Autorin des Buchs ziemlich sympathisch rüber kam. Tolle Rezension!

    1. packingbooksfromboxes

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar und das Lob für die Rezension. Ich freue mich, dass es auch hier jemanden gibt, der das Buch schon gelesen hat und meine Begeisterung nachvollziehen kann 🙂
      Ganz liebe Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s