„Woman in cabin 10“ (R.Ware)


Eines der schönen Details der Buchhandlung, in der ich seit fast elf Jahren arbeite, ist, dass es bei uns keine Beschränkung der verschiedenen Abteilungen auf bestimmte Mitarbeiter gibt. Natürlich haben wir alle das ein oder andere Steckenpferd, lesen gewisse Themen lieber oder bevorzugt. Unterm Strich versuchen wir aber aus jedem Genre immer eine besondere Empfehlung parat zu haben und würden niemals ein „Ist nicht meine Abteilung“, von uns geben.
Mein persönlicher Ehrgeiz in der Hinsicht kollidiert zuweilen allerdings mit der Zeit, die uns allen so im Alltag gegeben ist und so steht man dann manchmal da und stellt fest: „Ok, für Kundin XY, die regelmäßig vorbeischaut, um eine bestimmte Gattung von Thriller zu erwerben und sich auf deine Empfehlung verlässt, solltest du langsam mal wieder etwas Aktuelles ausbuddeln!“
Teufelskreis: Je besser deine Empfehlung, desto häufiger musst (bzw. darfst) du auch Nachschub liefern 😀 .
So ist mir „Woman in cabin 10“ von Ruth Ware in die Hände gefallen.
Lo Blacklock ist Reisejournalistin, trotz Alkoholaffinität und jahrelanger Einnahme von Antidepressiva mit einem Fuß fest in der Beförderungstür. Just bietet sich die Chance eben jene Tür noch etwas weiter aufzudrücken, als sie über die Jungfernfahrt eines kleinen Kreuzfahrtschiffs durch die norwegischen Fjorde berichten soll. Weit daneben liegt, wer jetzt an nach einer bekannten Oper benannte, riesige Ozeandampfer denkt, so ist doch jenes neue Kreuzfahrtschiff dem exklusivsten aller Luxusgedanken entsprungen und bietet Platz für gerade mal ein paar kleine Hände voll gut zahlender Reisender äußerst gehobener Klasse.

Obwohl Lo wenige Tage vor Antritt ihrer Reise Opfer eines Raubüberfalls in ihrer eigenen Wohnung wurde, den sie glücklicherweise recht unverletzt, aber dennoch leicht traumatisiert, überstanden hat, tritt sie die luxuriöse Reise an. Erhofft sich vielleicht sogar ein wenig Erholung von diesem verstörenden Erlebnis.

Alles startet nach Plan. Zuerst das Übliche Prozedere- Anstoßen, sich beschnuppern, das Abschätzen der Konkurrenz. Denn natürlich sind auch andere Journalisten unter den Gästen und jeder erhofft sich die exklusivsten Einblicke und Informationen.
Man versucht sich gut zu stellen mit dem Schiffseigner Lord Richard Bullmer, der mannhaft gewordenen Version von Charme und eines einnehmenden Wesens. Auch seine vom Krebs gezeichnete und nur noch rar in der Öffentlichkeit zu sehende Frau Anne ist mit an Bord.
Zu Lo’s Bedauern mischt sich aber auch Exfreund Ben unter die Gäste, der ebenfalls in  ihrer Branche tätig ist und  eigentlich eher nicht zu ihrer bevorzugten Gesellschaft gehört. Man ahnt recht schnell- hier liegt noch der ein oder andere ungeklärte Streitpunkt im Keller. Überhaupt scheinen sich die konkurrierenden Reisenden nicht allzu grün. Als Leser nimmt man ungeschönt reichlich oberflächliche Morskriecherei und doch gewisse Anspannung wahr. Aufrichtigkeit, so viel kann ich vorweg verraten, belegt jedenfalls keines der Betten auf dieser Kreuzfahrt.

Ruth Ware macht also gleich auf den ersten Seiten recht deutlich, dass im Grunde niemandem zu trauen ist. Und das ist auch der antreibende Motor dieser Geschichte: eine klare Trennung von Gut und Böse gibt es lange Zeit nicht. Durch die aufgesetzten Scheinpersönlichkeiten, die die Kreuzfahrer sich untereinander präsentieren, fällt es auch dem Leser äußerst schwer Helden und Antihelden zu finden. Es schaukelt ordentlich, nicht nur durch die stürmische See.

Wenig verwunderlich, wenn auch nicht im Detail vorhersehbar ist, dass aus der scheinbar harmlosen Situation, in der Lo sich eine Wimperntusche von der jungen Frau in der Kabine neben ihr (jetzt dürft Ihr mal raten, welche Nummer…) leiht, der große Aufhänger der Geschichte entspringt: In der ersten Nacht hört Lo im Halbschlaf, wie jemand über Bord geht. Die junge Frau ist verschwunden, doch niemand will sie überhaupt gesehen haben. Kabine 10 war die ganze Zeit über nicht belegt, sagt man… doch irgendjemand will verhindern, dass Lo, die natürlich nicht klein beigeben will, weiterhin eigene Nachforschungen betreibt.

Ruth Ware hat mit „Woman in cabin 10“ für mich ein feines Verwirrspielchen kreiert, das mich wirklich bis zum Ende hin auf gespannte Weise bespaßt und gut unterhalten hat.
Die kleinen Informationsbröckchen, mit denen sie manchmal gezielt auf falsche Fährten locken will, scheinen mir wohldosiert und an den richtigen Stellen positioniert.
Wer der Geschichte vorschnell ein überkonstruiertes Klischee anlasten will, muss sich, meiner Meinung nach, bis zum Ende und auch danach zurückhalten. Trotz erkennbaren Plots, spielen Zufälle hier einfach eine so große Rolle, dass gewisse Handlungsverläufe durchaus denkbar sind.

Abgerundet wird der überwiegend unblutige Thriller durch einen flüssigen Schreibstil, von dem ich aber vermutlich erst nach weiteren gelesenen Büchern von Ruth Ware sagen könnte, ob er speziell oder mehr oder weniger unscheinbar ist. Bei Übersetzungen ist das aber am Ende ohnehin immer schwer zu beurteilen.

Für ein spannendes Leseerlebnis kann man in dieses Buch, meiner Meinung nach, jedenfalls guten Gewissens investieren. Und am Rande: meiner Kundin XY hat es auch gefallen 😉 .

Empfehlenswert für Leser von: Paula Hawkins, Gillian Flynn und vielleicht ein bisschen Joy Fielding.


(Das rezensierte Buch wurde mir in der Buchhandlung im Zuge der Herbstnovitäten als kostenloses Leseexemplar durch den dtv Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist davon unberührt, dennoch kennzeichne ich den Link zur Website des Verlags hiermit als WERBUNG)

Titel: „Woman in cabin 10″
Autor: Ruth Ware
übersetzt von: Stefanie Ochel
erschienen im: Dezember 2017
Verlag: dtv premium
aktuelle Ausgabe: Broschiert 15,90 € (auch als Ebook 12,99 €)
Seiten: 384
ISBN: 978-3-423-26178-4

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s