Ein ganzes Leben bis zum Hundert-Morgen-Wald


Papier ist geduldig. Wo auch immer und wie auch immer dieser häufig verwendete Satz seinen Ursprung fand: auf Nichts trifft er wahrscheinlich so gut zu, wie auf Bücher. So kann ein Buch schon einmal mehrere Jahre im Bücherregal einstauben, drei Regalbretter nach unten oder oben wandern und eins ums andere Mal in einem Umzugskarton landen, um dann in einer frischen Umgebung und einem neuen Lebensabschnitt wieder hervorgeholt und in Erinnerung gerufen zu werden.
In meinem Fall ist es eine sichtlich ramponierte Ausgabe von „Pu der Bär“ ohne Buchrücken, die schon immer irgendwie da war und auch schon immer irgendwie so aussah, sich also wahrscheinlich seit guten dreißig Jahren in meinem Besitz befindet. Da sie 1977 gedruckt wurde (Dresslers Kinderklassiker waren mal braun??) vermute ich stark, das sie aus dem Fundus meiner Mutter den Weg in meine Hände gefunden hat.
Es gab anscheinend eine Zeit, in der ich recht skrupellos Illustrationen in meinen Büchern angemalt habe und einen Faible für unschuldige Bibliotheksrollenspiele hatte, zumindest zeugen schriftliche Hinterlassenschaften in meinen alten Kinderbüchern davon. Dennoch haben sie alle überlebt, allen voran eben „Pu der Bär“ .
Unglaublich, dass es mein ganzes bisheriges Leben und ein kleines Leben brauchte,

(c) Packing books from boxes

das sich sein „L“ nur erträumt hatte, ehe sich ein „eben“ überhaupt hätte anhängen können, bis mir in einem dieser magischen Momente auffiel, dass „Pu der Bär“ mich schon immer begleitete und mir weiß Gott kein Unbekannter war, aber nie von mir gelesen wurde. Es schlich sich zu dieser Zeit immer wieder in mein Bewusstsein, warf mir über vielerlei Kanäle Zitate zu, die so klein und dennoch so gewaltig waren, wie die wunderbaren Bewohner des Hundert-Morgen-Wald es für ihren Christopher Robin gewesen sein mussten, und tröstete mich damit in Momenten, in denen ich noch gar nicht wusste, dass es schon mit mir zu sprechen begonnen hatte, bevor ich es eben in jenem Augenblick aufschlug, um es nach dieser langen Zeit endlich wirklich zu lesen.
Seinen Zauber hat es auch danach nicht verloren. Es wird im Gegenteil in all seiner Ramponiertheit noch mehr von mir geliebt und demnächst von der aktuellen deutschen und auch originalsprachlichen Ausgabe ergänzt und eingerahmt, denn den zweiten Band „Pu baut ein Haus“ will ich wahrlich nicht dreißig Jahre auf unseren Moment warten lassen.
Papier ist also nicht nur geduldig. Ich würde ergänzen, dass es, mit den richtigen Worten beschrieben, eines der zauberhaftesten Pflaster ist, die sich auf eine nur beschwerlich heilende Wunde legen können.

Werbeanzeigen

6 Gedanken zu “Ein ganzes Leben bis zum Hundert-Morgen-Wald

  1. Sina

    Yeah, du bist zurück!
    Ich hab genau die gleiche Ausgabe, nur das meine noch einen Rücken hat. Muss ich auch mal wieder lesen.

  2. Liebe Vanessa,

    ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich deinen Beitrag im Blogreader entdeckte. Wie schön, wieder von dir zu lesen! Erst vor ein paar Wochen musste ich an dich denken, an das Wanderbuch und unsere Begegnung auf der Buchmesse.

    Die Pooh-Geschichten sind wirklich allerliebst und zeitlos. Eigentlich sehr einfach gehalten, aber vielleicht genau deshalb so schön und besonders. Für mich symbolisieren sie einfach sehr gut, wie sich Kindsein anfühlt und was den Zauber der Kindheit ausmacht.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    1. packingbooksfromboxes

      Liebe Kathrin,
      danke dir für deinen lieben Kommentar! ❤ Lustigerweise habe auch ich gerade zur Buchmessezeit häufiger an Dich und unser Treffen gedacht.

      Zwischendrin natürlich auch viel an den Blog. An Ideen und Gedanken hat es eigentlich nicht gemangelt. Andersrum rast aber manchmal die Zeit dank bestimmter Vorkommnisse und dann auch mal wieder einfach so an einem vorbei. Und so vergeht ein Jahr, in dem man kein Wort geschrieben hat.
      Wie auch im letzten Jahr habe ich mit dem Frühling und den damit wiederkehrenden Energiereserven den Vorsatz ausgebuddelt hier wieder aktiver zu werden, weil es mir auch wahnsinnig gut tut. Ich kann natürlich auch in diesem Jahr nicht wissen, was mich hinter der nächsten Wegbiegung erwartet, aber wir hoffen das Beste 🙂 .

      Ja, der Pu ist schön einfach, obwohl er vor Metaphern und Bildsprache, meiner Meinung nach, nur so strotzt, und bringt einen deshalb, wie so viele andere Kinderbücher, ganz sachte auf den Boden der Tatsachen zurück. Dazu schwirrt mir schon eine Beitragsidee im Kopf herum, deshalb mal an anderer Stelle mehr dazu 😉 .

      Ab jetzt hoffentlich öfter alles Liebe,
      Vanessa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s