„Was man von hier aus sehen kann“ (M.Leky)


Dinge passieren. Menschen kommen und gehen. Und Blickwinkel verschieben sich. Aus „Fehler“ wird „Erfahrung“. Aus „Ankommen“ wird „Abschied“. Aus „dunkel“ wird „hell“. Aus „Unwissenheit“ wird „Erkenntnis“ und manchmal dreht sich alles wieder um und im Kreis.
Von hier sehe ich andere Dinge, als von dort. Und wo ist hier und wo ist woanders und wie komme ich dorthin?
Am letzten Tag des Jahres komme ich nicht umhin auch einen Blick über meine Schulter zu werfen. So geht es doch vielen Menschen gerade, nicht umsonst reiht sich auch hier in der Bloggerwelt ein Jahresrückblick an den anderen (völlig wertungsfrei).
Nach vorne schauen ist grundsätzlich eine feine Sache, die ich im Alltag so gut es geht auch gerne praktiziere. An einigen Tagen wie ein Profi, an anderen Tagen sehr stümperhaft und unerfahren.
Nur am 31.12. fühlt sich das Morgen so derart weit weg an, dass man sich eben eher noch einmal umschaut. Wie der Blick in eine leere alte Wohnung, die trotz fehlender Möbel noch immer so vollgestopft aussieht- voll mit Erinnerungen, voll mit Szenen, voll mit „Wenns“ und „Abers“ und „?“ und „!“.

2017 scheint wie ein Berg, auf dessen Spitze ich nun stehe und hinter mir ins Tal hinunterschaue. Von hier aus sehe ich die Wipfel der Bäume, an deren Stämmen ich noch vor einigen Wochen gelehnt habe, ein wenig außer Atem kurz verschnaufte. So hoch wirkten sie damals, unerkletterbar, als kratzten sie an den Sternen. Von hier oben scheinen sie eher klein, wie ein Teppich aus Grün , über dem sich der weite Himmel ozeangleich erstreckt.
Von hier aus sehe ich die kleine Holzhütte, vor deren Haustür der schmale Wanderpfad begann, den ich Anfang des Jahres unwissend, voller Tatendrang und auch ein wenig mulmig betrat.
Nun kann ich ihn mit den Augen nachfahren, mit dem kleinen Finger. Unglaublich, dass dieser kleine Pfad zwischendrin so endlos wirkte. Anfang und Ende nur am Anfang und am Ende sichtbar und dazwischen nie, nur erahnbar, eine Erinnerung, eine Vorstellung und jetzt ganz vertraut. Von hier aus sehe ich alles ganz!

Ich habe wahrlich selten so wenig gelesen, wie in diesem Jahr. Ihr seht, ich war beschäftigt mit meiner metaphorischen Wanderschaft auf meinem kleinen Waldpfad.
Doch keines der Bücher, die mir in diesem Jahr dennoch begegnet sind, könnte einen besseren Schirmherren für eben jene Wanderung darstellen, als „Was man von hier aus sehen kann “ von Mariana Leky.

Viel wurde bereits darüber gesprochen und anscheinend geht es einer Menge anderer Menschen genau wie mir. Wurde dieses zauberhafte Buch doch mittlerweile über 100.000 Mal verkauft (knapp über 60 Mal von mir selbst 🙂 – Jawohl)!
Doch auch ich möchte nun noch einmal in meinem einzigen Blogbeitrag im Jahr 2017 dieses Buch besonders hervorheben, weil es anscheinend mich gefunden und es deshalb einfach verdient hat.

Was man von hier aus sehen kann “ spielt in einem kleinen Dörfchen im Westerwald. Ich finde jedoch, dass es auch in jedem anderen kleinen Dorf hätte spielen können, in dem noch jeder jeden kennt und in dem Gemeinschaft etwas mehr bedeutet, als das telepathische Niederstarren der nachbarlichen Bratwurst auf der Grilltafel der angrenzenden  Terrasse- Ihr wisst, was ich meine.
Hier begegnen wir Selma, die so etwas wie die Dorfälteste in diesem kleinen gemeinschaftlichen Dorf ist. Wer Rat braucht, geht zu Selma, die immer alles so bodenständig und einfach betrachtet und entwirrt. Wem kann man vertrauen, wenn nicht jemandem, der aussieht wie Rudi Carrell?
Doch es gibt in Selmas Leben diese eine, schon immer gar nicht so bodenständig gewesene, Sache mit dem Okapi. Denn immer mal wieder träumt Selma von diesem Okapi und immer wieder, wenn das passiert, stirbt in den darauffolgenden 24 Stunden jemand aus dem beschaulichen, gemeinschaftlichen Dörfchen.
Eigentlich glaubt niemand an dieses todbringende Omen und dennoch wird auf höchst unterschiedliche Weise reagiert- auch jetzt wieder!
Selmas zehnjährige Enkelin Luise beobachtet diejenigen, die mit offenen Armen förmlich einladend dastehen und eigentlich kein Fürzchen zu verlieren haben. Sie beobachtet diejenigen, die ganz tief in der Kiste der Hausmittelchen buddeln und jedes noch so tiefesoterische, lebenserhaltende Ritual vollziehen, das je von einem Kräuterhexchen erfunden wurde und Luise beobachtet jene, die noch einmal über sich hinauswachsen wollen, endlich die „verschwiegenen Wahrheiten “ aussprechen wollen, die sie bereits ein Leben lang ungesagt mit sich herumtragen. Jene, die trotz schwellender Brust aber manchmal einfach nicht aus ihrer Haut können.
Wir als Leser sind als stumme Einwohner mit dabei. Begleiten Selma, Luise, den Optiker (der uns fast bis zum Ende der Geschichte auch nur als solcher bekannt, aber dennoch sehr ans Herz gewachsen sein wird) und all die anderen Dorfbewohner über diese 24 Stunden und lange Jahre hinweg und sehen, was der Traum vom Okapi bringt oder auch nimmt und alles was dazwischen liegt.

Was man von hier aus sehen kann “ vereint auf fast poetische Art und Weise, ohne dabei schwer verständlich oder überkandidelt zu wirken, Dinge, die auch im realen Leben immer sehr nah beieinander liegen- Liebe, Trauer, Begegnungen, Verlust, Melancholie und Witz.
Es versprüht kleinkindlichen Charme und verkörpert großmütterliche Weisheit. Es öffnet die Tore zur Alltagsmagie und spielt sanfte Zukunftsmusik. Es schwelgt in Erinnerungen und schüttet uns Lesern die Gegenwart direkt ins Gesicht.

Der Universität Hildesheim sollen große Erzähler entstammen und das sei auch Mariana Lekys Stil anzumerken, so hörte ich in einer der vielen Rezensionen, die durch Funk und Fernsehen geisterten.
Ob nun Hildesheim oder besonderem Talent geschuldet- Mariana Leky versteht etwas vom Fach, davon mit Worten umzugehen, aber das Herzblut, welches gerade zwischen den Zeilen immer wieder zu entdecken ist, pulsiert unaufhörlich. Es kommt spürbar von Herzen und es geht  vor Allem auch direkt ins Herz.
Sätze haben zu Beginn die eine Bedeutung und im Laufe der Geschichte mit anderen Erfahrungen und Emotionen gefüllt eine ganz andere Bedeutung. Das weiß Mariana Leky zu nutzen und immer wieder überraschte mich dieses Stilmittel beim Lesen, denn es wirkte manchmal so naheliegend und einfach und zeitgleich ganz besonders und leuchtend neu.
Nach 320 Seiten klappte ich „Was man von hier aus sehen kann “ zu und hatte das Gefühl, ein ganzes Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen. Ich wollte es wieder öffnen und sehen, was es Neues gab in diesem kleinen Dorf im Westerwald, in dem ich gerade eine wundervolle kleine Ewigkeit verbracht hatte.

Wenn Ihr morgen früh in einem neuen Jahr aus Eurer Holzhütte tretet und Euch aufmacht wieder einmal einem unbekannten kleinen Wanderpfad den Berg hinauf zu folgen, dann nehmt unterwegs doch mal dieses zauberhafte Buch zur Hand. Einen besseren Begleiter könnt Ihr auch vermutlich 2018 nicht haben. Und falls doch- Je mehr nette Dinge, desto besser!

>>Jetzt aber mal los<<, rief der Optiker. (Seite 313)


(Das rezensierte Buch habe ich selbst erworben, kennzeichne den Link zur Website des Verlags hiermit dennoch als WERBUNG)

Titel: „Was man von hier aus sehen kann“
Autor: Mariana Leky
erschienen im: Juli 2017
aktuelle Ausgabe: Hardcover  20,00 € (auch als Ebook 15,99 €)
Seiten: 320
ISBN:  978-3-8321-9839-8

Auch als Hörbuch gelesen von Sandra Hüller ist „Was man von hier aus sehen kann“ übrigens ein wahres Vergnügen!

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2 Gedanken zu “„Was man von hier aus sehen kann“ (M.Leky)

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